Wenn der Vorstandsvorsitzende Konflikte scheut

Kennen Sie diese Situation? Im Board-Meeting liegt ein kritisches Thema auf dem Tisch. Das Konfliktpotenzial ist mit Händen zu greifen. Jeder spürt: Hier knirscht es gewaltig. Zwei Vorstände arbeiten klar gegeneinander, das so wichtige Transformationsprojekt droht zu scheitern. Was passiert? Der Vorstandsvorsitzende macht weiter, als sei nichts geschehen. Nächstes Thema. Seine Konfliktscheue könnte das Unternehmen Kopf und Kragen kosten. Zumindest dann, wenn es im Unternehmen keinen Gegenpol gibt, der Konflikten nicht ausweicht und unbequeme Wahrheiten ausspricht.
In diesem Blogbeitrag zeige ich Ihnen, wie Sie mit einem konfliktscheuen Vorgesetzten im Top-Management umgehen können. Und wie Sie als harmonieliebender Top-Manager Ihren Laden trotz allem am Laufen halten.
Inhaltsverzeichnis
- Harmonie in der Führungsetage hat ihren Preis
- Fallbeispiel: konfliktscheuer Vorstandsvorsitzender
2.1. Harmonie und Dissonanz – als Team klappt es - 3 Tipps für konfliktscheue Manager
3.1. Vereinbaren Sie klare Verantwortlichkeiten
3.2. Stärken Sie ehrliches Führungsverhalten
3.3. Holen Sie einen Sparringspartner an Ihre Seite
Harmonie in der Führungsetage hat ihren Preis
Man sollte meinen, dass im Top-Management in allererster Linie starke Führungspersönlichkeiten sitzen, die für ihr Unternehmen einstehen – auch, wenn es Gegenwind gibt oder Konflikte drohen. Meine eigene Zeit im Top-Management und meine Erfahrung aus 30 Jahren Führungskräfte-Coaching haben mich gelehrt: Das stimmt so nicht. Kaum ein Mensch mag Konflikte. Auch an der Unternehmensspitze herrscht ein großes Bedürfnis nach Harmonie. Gerade wenn das Führungsteam (wie es häufig der Fall ist) aus einer relativ homogenen Gruppe besteht, fällt es schwer, bewusst anzuecken.
Das Problem: Im Top-Management hat allzu viel Harmonie ihren Preis. Wenn Konflikte unter den Teppich gekehrt werden, aber weiter schwelen, kommt es früher oder später zum Knall. Weil ein wichtiges Projekt den Bach runtergeht. Weil die Stimmung vergiftet ist. Oder weil die Transformation scheitert. Die Konsequenzen bedrohen ein Unternehmen nicht selten in seiner Existenz. Fazit: Harmonie ist keine Lösung – und sollte im Top-Management niemals angestrebt werden.
Fallbeispiel: konfliktscheuer Vorstandsvorsitzender
Wenn ich an konfliktscheue Top-Manager denke, kommt mir sofort ein gewisser Vorstandsvorsitzender (Robert H.) eines großen Konzerns in den Sinn. Seine große Stärke ist die Diplomatie. Er wird von allen geschätzt. Konflikte aber scheut er wie der Teufel das Weihwasser. Dinge, die dringend gesagt werden müssten, spricht er nicht aus. Stattdessen lässt er explosive Themen als „Elefant im Raum“ stehen. Für alle sichtbar und doch unausgesprochen. Allerdings weiß er um diese Eigenschaft mit allen Vor- und Nachteilen.
Was meinen Sie, wie es seinem Unternehmen ergangen ist? Überraschenderweise richtig gut. Allerdings nicht wegen Roberts Konfliktscheue – sondern wegen meinem Klienten.
Harmonie und Dissonanz – als Team klappt es
Mein Klient Johann M. – ebenfalls Mitglied im Vorstand – tickt gänzlich anders als Robert. Er hat keine Angst vor unangenehmen Wahrheiten. Er scheut keine Konflikte. Und er trägt auch sein Ego nicht vor sich her. Stattdessen setzt er sich als echter Könner und Leistungsträger immer für die Sache, für den Erfolg seines Unternehmens ein. Obwohl er mit Machtspielen umgehen kann, bleibt er sich selbst treu und folgt seinem inneren Kompass.
Kurz gesagt: Er ist der perfekte Gegenpart des konfliktscheuen Vorstandsvorsitzenden. Und tatsächlich funktionieren die beiden als Team hervorragend. Robert sorgt für Harmonie und glättet gegebenenfalls die Wogen. Johann übernimmt, wenn Robert sich mal wieder scheut, heiße Eisen anzupacken. Seine Stärke: Er formuliert klar. Ruhig. Ohne Angriff. Nicht gegen seinen Chef oder das Team. Sondern FÜR DIE SACHE, damit das Unternehmen profitiert. Dieses Zusammenspiel der beiden funktioniert hervorragend.
3 Tipps für konfliktscheue Manager
Robert und Johann sind das perfekte Beispiel dafür, wie Harmoniesucht und Konfliktscheue im Top-Management durch Führungsstärke und Verantwortungsbewusstsein ausbalanciert werden können. Sie sind allerdings nicht der Regelfall.
Fühlen Sie sich beim Thema Konfliktscheue ertappt und sind Teil des Führungsteams – womöglich sogar in der Position des Vorstandsvorsitzenden – ist es Ihre Verantwortung zu handeln. Und zwar schnell. Denn ein Führungsteam, in dem Harmonie forciert wird, bringt das gesamte Unternehmen in Gefahr.
Die gute Nachricht: Sie haben Möglichkeiten, die Situation zu handeln, ohne selbst sofort ins Wespennest treten zu müssen. Die folgenden drei Tipps haben sich für konfliktscheue C-Level bewährt.
1.) Vereinbaren Sie klare Verantwortlichkeiten
Sie sind konfliktscheu – und können so schnell nicht aus Ihrer Haut? Dann brauchen Sie einen Johann aus meinem Fallbeispiel. Und zwar schnell. Insbesondere in Führungstandems lohnt es sich, klare Vereinbarungen zu treffen:
- Wer spricht unangenehme Dinge an, wenn alle anderen schweigen?
- Wer benennt den Elefanten im Raum?
- Wer thematisiert im Sinne des Unternehmens – und ohne Vorwurf – Konflikte, die nicht länger schwelen dürfen?
Sind entsprechende Verantwortlichkeiten erstmal formuliert und vergeben, kommt schnell eine ganz neue Dynamik in die Führungsetage.
2.) Stärken Sie ehrliches Führungsverhalten
Gerade im Top-Management, wo Machtspiele, doppelbödige sowie indirekte Kommunikation und Hidden Agendas oftmals weit verbreitet sind, werden Missstände oder Konflikte ungerne angesprochen. Denn derjenige, der schlechte Nachrichten überbringt, wird bekanntlich als erstes erschossen. Dieser Kultur sollten Sie dringend entgegenwirken. Wer mutig ausspricht, was alle denken (und hören müssen), sollte nicht sanktioniert werden – sondern gestärkt! Nur so entsteht eine Kultur, in der Entwicklung möglich ist.
3.) Holen Sie einen Sparringspartner an Ihre Seite
Als konfliktscheuer Top-Manager kann ich Ihnen nur dringend raten, sich einen internen oder externen Sparringspartner an die Seite zu holen. Jemanden, der Ihnen ehrlich sagt, was Sie nicht hören wollen, aber hören sollten. Jemand, der den Finger in die Wunde legt – und schwelende Konflikte beim Namen nennt. Und jemanden, der Sie dabei unterstützt einen Führungsstil zu entwickeln, der Ihnen erlaubt – im Sinne des Unternehmens – auch unangenehme Wahrheiten offenzulegen.
Herzliche Grüße
Gudrun Happich
PS: Sie wollen an Ihrer Konfliktscheue arbeiten? Und Bedingungen schaffen, in denen Ihr Führungsteam und Ihr Unternehmen florieren? Dann kontaktieren Sie mich unter info@galileo-institut.de. Gemeinsam schrauben wir Ihre Harmoniesucht auf ein angemessenes Maß zurück!
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