Bossing: Was im Top-Management schief läuft – und wie Sie sich schützen

Sie sitzen im Board-Meeting und präsentieren Ihre neuen Zahlen. Und die sind gut – verdammt gut. Trotzdem kommen vom Vorstandsvorsitzenden immer wieder ironische Bemerkungen und spitze Kommentare. Eine Situation, die in den letzten Monaten zur Gewohnheit geworden ist. Und ein glasklarer Fall von Bossing – ein im Top-Management leider sehr verbreitetes Phänomen. In diesem Artikel zeige ich Ihnen, woran Sie Bossing und Machtmissbrauch erkennen und wie Sie sich wehren können!
Inhaltsverzeichnis
- Machtspiele und Bossing: im Top-Management gang und gäbe
- So kann sich Bossing im C-Level äußern
- 4 Wege gegen Bossing und Machtmissbrauch vorzugehen
3.1. Lernen Sie Ihre Trigger kennen
3.2. Vernetzen Sie sich mit Gleichgesinnten
3.3. Suchen Sie sich einen internen Mentor
3.4. Arbeiten Sie mit einem Sparringspartner
Machtspiele und Bossing: im Top-Management gang und gäbe
Auch wenn Sie im mittleren Management rundum zufrieden mit der Unternehmenskultur waren: im Top-Management sieht die Situation oft ganz anders aus. Und das im selben Unternehmen. Denn Mikropolitik, eine doppelbödige, indirekte Kommunikation, Hidden Agendas, Machtspiele und Bossing sind an der Spitze leider weit verbreitet. Das Perfide: Während sich Bossing im mittleren und unteren Management noch in offenen Beleidigungen und Herabsetzungen zeigt, geht es im Top-Management meist viel subtiler zu. Hier sind es oft spitze Bemerkungen, ironische Untertöne und Intrigen, die C-Leveln zusetzen. Die Tragweite dieser „leisen“ Schikanen bleiben von den Betroffenen dabei anfangs nicht selten unbemerkt. Denn gerade Leistungsträger können sich oft kaum vorstellen, dass ihr Vorgesetzter ihnen tatsächlich willentlich schaden will.
Ich erinnere mich noch gut an meinen Klienten Tom H. Dieser hatte ein sehr gutes Verhältnis zu Vorstand und Vorstandsvorsitzendem. Alles lief super, bis ein neuer von außen zum Team stieß: Peter Z. Schon nach kurzer Zeit war klar: Die Chemie zwischen den beiden stimmte einfach nicht. Tom nahm das Ganze hin, ohne sich allzu viel dabei zu denken. Und fiel aus allen Wolken, als er aus heiterem Himmel plötzlich gekündigt wurde. Im Führungskräfte-Coaching arbeiteten wir die Situation gemeinsam auf. Es zeigte sich: Tom hat die versteckten Botschaften und Seitenhiebe von Peter gar nicht wahrgenommen. Und damit auch nicht bemerkt, dass Peter in Tom offenbar eine Bedrohung für dessen eigene Pläne im Unternehmen sah.
So kann sich Bossing im C-Level äußern
Die Anzeichen für Bossing im Top-Management sind vielseitig. Um nur einige typische Situationen zu nennen:
- Ihr Vorgesetzter relativiert Ihre Erfolge.
- Sie werden nicht (mehr) zu wichtigen Meetings eingeladen.
- Ihr Verantwortungsbereich wird verkleinert.
- Entscheidungen werden über Ihren Kopf hinweg getroffen.
- Sie bemerken bei ihrem Chef häufige spitze Bemerkungen und ironische Untertöne.
- Ihr Chef spricht mit Ihren direkten Mitarbeitern – ohne Sie davon in Kenntnis zu setzen.
- Sie bekommen widersprüchliche Zielvorgaben oder unmögliche Aufgaben.
- Sie werden für Dinge verantwortlich gemacht, die Sie nicht beeinflussen können.
- Ihnen werden (scheinbar unabsichtlich) Informationen vorenthalten.
- Im persönlichen Gespräch wird Ihnen Unterstützung zugesichert, im Board-Meeting dagegen werden Zweifel gestreut.
Übrigens: Echte Könner und Leistungsträger sind besonders häufig von Bossing betroffen. Zum einen, weil sie sich auf politischem Parkett (gerade nach dem erstmaligen Aufstieg ins C-Level) in der Regel ungeschickt bewegen. Zum anderen, weil sie ihre herausragende Performance nicht etwa schützt, sondern ihnen zum Verhängnis wird. Etwa, weil sich ein Konkurrent bedroht fühlt. Oder weil ihr Vorgänger (und jetziger Vorgesetzte) sich durch ihren schnellen Erfolg gedemütigt vorkommt.
4 Wege gegen Bossing und Machtmissbrauch vorzugehen
Die gute Nachricht: Ihnen stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, sich gegen Bossing, Machtmissbrauch und Intrigen zur Wehr zu setzen. Im Folgenden nehme ich vier vielversprechende Optionen in den Blick.
1.) Lernen Sie Ihre Trigger kennen
Kennen Sie das? Sie hören von Ihrem Vorgesetzten bestimmte Worte – und schon läuft bei Ihnen ein Automatismus ab. Jeder von uns hat solche „Trigger“. Gerade im Zusammenhang mit Bossing kommt ihnen eine besondere Bedeutung zu. Nehmen wir Lucas T. als Beispiel. Der erfolgreiche CFO reagiert auf spitze Bemerkungen und Kritik durch seinen Vorgesetzten immer gleich. Äußerlich scheint alles an ihm abzublocken. Innerlich allerdings brodelt es. Er zieht sich zurück und flieht aus der Situation – zunächst mental, später körperlich. Eine offene Konfrontation mit seinem Vorgesetzten scheut er dagegen wie der Teufel das Weihwasser. Und mit diesem Verhalten öffnet er dem weiteren Bossing Tür und Tor. Neben Flucht sind übrigens auch „Kampf“ oder „Schockstarre“ verbreitete Reaktionen auf entsprechende Trigger.
Sind auch Sie von Bossing betroffen, ist es daher Ihre erste Aufgabe solche Trigger zu erkennen. Denn das ist die Grundvoraussetzung, um den Regelkreis zu durchbrechen. Bewährt hat sich folgendes Vorgehen:
- Erkennen Sie Trigger und Reflexe. Finden Sie heraus, auf welche Reize Sie mit festgelegten Automatismen reagieren. Und beobachten Sie ganz genau, welches reflexhafte Handeln und Denken in der Folge bei Ihnen einsetzt.
- Akzeptieren und stoppen Sie die Situation. Haben Sie Ihre Trigger und zugehörigen Reflexe erkannt und ernstgenommen, fällt es Ihnen viel leichter, diese zu stoppen. Mit einer möglichst frühzeitigen Reflektion gelingt es Ihnen im Laufe der Zeit immer besser, den Regelkreis zu durchbrechen.
- Werden Sie wieder handlungsfähig. Fragen Sie sich, was JETZT wichtig ist. Was ist das übergeordnete Ziel? Welche Optionen haben Sie? Und dann handeln Sie entsprechend.
Übrigens: Dieses „Trigger-Stopp-Prinzip“ beleuchte ich in meinem Buch „Nature, Inc. – Das erfolgreichste Unternehmen der Welt“ im Detail. Außerdem erfahren Sie hier anhand 15 konkreter Beispiele, was Sie von der Natur für das Management lernen können.
2.) Vernetzen Sie sich mit Gleichgesinnten
Eine der besten Möglichkeiten, sich vor Machtmissbrauch und Bossing zu schützen, ist es, sich ein Netzwerk gleichgesinnter Führungskräfte aufzubauen. Denn diese gibt es in fast jeder Führungsetage – ich nenne sie die „weiße Mafia“. Haben Sie einflussreiche Unterstützer, die Ihnen den Rücken stärken, bieten Sie deutlich weniger Angriffsfläche.
3.) Suchen Sie sich einen internen Mentor
Idealerweise finden Sie in Ihrem Unternehmen jemanden, der sich bestens auskennt – und die Ziele, Motive und Ambitionen der Top-Manager im Unternehmen einzuschätzen weiß. Der Rat eines solchen Mentors ist Gold wert. Denn mit einem entsprechenden Verbündeten erkennen Sie Bossing deutlich schneller. Und da Sie die Handlungsmotive der jeweiligen Vorgesetzten kennen, können Sie sich obendrein gezielter wehren. Als Mentor kommt beispielsweise ein gut vernetzter Vorstand oder Ihr Vorgänger in Betracht.
4.) Arbeiten Sie mit einem Sparringspartner
Neben gleichgesinnten Führungskräften und einem Mentor empfiehlt es sich, einen erfahrenen Sparringspartner ins Boot zu holen. Und damit meine ich eine Person die beides mitbringt: eigene Top-Management-Erfahrung UND Coaching-Expertise. Denn nur dann kann ein Sparringspartner die Lage richtig einschätzen und Ihnen praktische Handlungsoptionen bieten.
Ich selbst war bereits mit 30 Jahren als Mitglied der Geschäftsleitung für rund 1.000 Mitarbeiter im DACH-Raum verantwortlich. Und begleite seit 30 Jahren Vorstände, Vorstandsvorsitzende, Geschäftsführer und C-Level als Coach und strategische Sparringspartnerin. Eine Kombination, die meine Klienten sehr an mir schätzen.
Herzliche Grüße
Gudrun Happich
PS: Sie werden von Ihrem Vorgesetzten immer wieder (zu Unrecht) attackiert? Zeit sich zu wehren! Kontaktieren Sie mich unter info@galileo-institut.de – und wir arbeiten gemeinsam an der richtigen Strategie.
Bild: fizkes / stock.adobe.com

