Best Practice Wolfsrudel: Was gute Führung wirklich auszeichnet

Große individuelle Freiheiten, ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl und ein souveräner Umgang mit neuen Herausforderungen: Wölfe scheinen alles richtig zu machen. Alles, was sie dafür brauchen: Einen oder mehrere Leitwölfe, die die Führung übernehmen – und bei Bedarf bereitwillig an die „Spezialisten“ ihres Rudels abgeben. Ein besseres Vorbild für gute Führung könnte man sich gar nicht wünschen!
Aus den Erfahrungen meiner eigenen Zeit im Top-Management und nach über 30 Jahren Erfahrung im Führungskräfte-Coaching kann ich Ihnen das mit großer Überzeugung sagen.
Übrigens: Dieser Beitrag ist Teil meiner 6-teiligen Natur-Reihe, in der ich Ihnen zeige, wie Sie die Natur – das erfolgreichste Unternehmen der Welt – als Blaupause für erfolgreiche Unternehmensführung nutzen können. Falls Sie noch tiefer ins Thema einsteigen möchten: Mein neues Buch „Nature Inc. – das erfolgreichste Unternehmen der Welt“ erscheint am 16. Oktober 2025. Hier erwarten Sie viele weitere spannende Best-Practice Beispiele aus der Natur, die Ihren Blick auf Führung für immer verändern dürften.
Inhaltsverzeichnis
- Wolfsrudel – gute Führung jenseits von klassischen Hierarchien?
- Das Wolfsrudel-Führungsprinzip: Die 4 Regeln guter Führung
2.1. Machen Sie den Erfolg des Unternehmens zur obersten Priorität
2.2. Formulieren Sie wenige, klare Spielregeln
2.3. Lassen Sie Ihren Mitarbeitern Raum
2.4. Sehen Sie sich als Multiplikator - Gutes Leadership existiert unabhängig von Hierarchien
Wolfsrudel – gute Führung jenseits von klassischen Hierarchien?
Jedes Wolfsrudel besteht aus einer ganzen Reihe von Individuen. Da sind:
- die jungen Welpen – verspielt, neugierig und schutzbedürftig
- die Jungwölfe – voller Tatendrang, die aber auch gerne mal über das Ziel hinausschießen
- die älteren, erfahrenen Wölfe – allesamt Spezialisten auf ihrem Gebiet; vom Fährtenleser über den Strategen bis zum Kämpfer
- die Leitwölfe – diejenige, die die Spielregeln festlegen und das Rudel zusammenhalten
Zusammen bilden Sie alle ein System, genauer gesagt ein Rudel.
Die Parallelen zwischen dem sozialen Gefüge eines Wolfsrudels und dem Team innerhalb eines Unternehmens – ebenfalls ein komplexes soziales System – sind nicht schwer zu erkennen. Da sind:
- die Neuankömmlinge – alle neu im Team, noch nicht mit den Spielregeln vertraut und mitten im Onboarding-Prozess
- die jungen Wilden – (oft junge) Mitarbeiter, die noch nicht allzu lange im Team sind, aber viel Energie, Eigeninitiative und Innovationsbereitschaft mitbringen, manchmal aber Regeln nicht befolgen und bei ihren Vorgesetzten anecken
- die Alteingesessenen – sehr oft echte Leistungsträger, die auf ihrem Gebiet Spitzenleistungen erbringen und das Rückgrat des Teams bilden
- die Top-Führungskräfte – C-Level und Vorstände – ähnlich wie im Wolfsrudel manchmal auch als Doppelspitze auftretend –, die ihr Team im Sinne des Unternehmens führen.
Besonders spannend: Ein Wolfsrudel funktioniert ohne klassische Hierarchien. Zwar gibt es – von allen und den Leitwölfen kontrollierte – Regeln, an die sich jeder im Rudel zu halten hat. Darüber hinaus geben die Leitwölfe ihre Führungskompetenzen situationsbedingt aber immer wieder an die Mitglieder ihres Rudels ab. Das ermöglicht individuelle Freiheiten, fördert die Selbstorganisation und führt letztlich zum bestmöglichen Ergebnis für das Rudel als Ganzes. Sie ahnen es: Dieses Prinzip funktioniert auch in Unternehmen hervorragend. Entsprechende Ideen werden meist unter dem Schlagwort „moderne Führung“ zusammengefasst.
Das Wolfsrudel-Führungsprinzip: Die 4 Regeln guter Führung
Im Folgenden möchte ich die wichtigsten Verhaltensweisen eines Wolfrudels beleuchten, die Ihnen als Blaupause für eine moderne, gute Führung dienen können. Ich nenne das auf 4 Grundregeln basierende Konzept: das Wolfsrudel-Führungsprinzip.
1.) Machen Sie den Erfolg des Unternehmens zur obersten Priorität
Klar, jeder einzelne Wolf eines Rudels möchte überleben, satt werden, spielen und seine eigenen Stärken entfalten können. Instinktiv allerdings weiß jeder individuelle Wolf, dass letzteres nur in einem funktionierenden Rudel möglich ist. Das Überleben des Rudels steht daher naturgemäß immer an erster Stelle. Ohne Wenn und Aber. Es ist das höchste Ziel, dem sich jedes Individuum im Rudel voll und ganz verschreibt.
Als Führungskraft tun Sie gut daran, in Ihrem Team für ein ähnlich großes Commitment zu sorgen. Denn ein gemeinsames, großes Ziel zu verfolgen, ist die beste Mitarbeitermotivation überhaupt. Sie werden erstaunt sein, wie erfolgreich ein Team sein kann, wenn es gemeinsam am Unternehmenserfolg arbeitet, statt Einzelinteressen und interne Machtspiele zu verfolgen. Damit wirklich alle im Team an einem Strang ziehen, ist es Ihre Aufgabe eine (Unternehmens-)Vision zu entwickeln, mit der sich alle Mitarbeiter identifizieren können.
2.) Formulieren Sie wenige, klare Spielregeln
In einem Wolfsrudel gibt es nur wenige, dafür aber sehr klare Regeln. Zum Beispiel, was das Jagen von Beute angeht. Wie die Aufzucht der Jungtiere zu erfolgen hat. Und welchen Stellenwert die gegenseitige Fürsorge einnimmt. Diese Regeln geben dem Rudel Orientierung und Stabilität. Sie sind gewissermaßen die Rahmenbedingungen für ein funktionierendes Zusammenleben. Wer die Regeln bricht, setzt das Überleben des gesamten Rudels aufs Spiel. Regelbrüche – zum Beispiel von Jungwölfen, die es im Spiel übertreiben – haben daher immer Konsequenzen.
Ich empfehle Ihnen, auch für Ihr Team einige wenige solcher Regeln aufzustellen. In der Praxis haben sich 5 bis 7 Spielregeln als ideal herauskristallisiert. Mit weniger ist es schwierig, die nötigen Leitplanken für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zu schaffen. Und – seien wir ehrlich: Viel mehr Regeln kann sich ohnehin niemand merken. Klare Regeln können beispielsweise lauten:
- „Wir kommunizieren offen miteinander.“
- „Ich halte mich an getroffene Absprachen.“
- „Ich rede über andere nicht schlecht hinter deren Rücken.“
- „Ich plaudere keine Interna aus.“
- „Fehler passieren. Ich stehe für diese gerade und versuche nicht, sie zu vertuschen.“
Einmal etabliert, liegt es an Ihnen, diese Regeln zu verteidigen. Denn Sie sind der Leitwolf, der das Wohl des Rudels im Auge behalten muss. Gerade im Umgang mit schwierigen Mitarbeitern ist das oft leichter gesagt als getan.
Davon kann auch meine Klienten Nicole R. ein Lied singen. Als junge, frischgebackene Leiterin eines Projektteams in einem renommierten IT-Unternehmen stieß sie in ihrem Team auf einen „alten Hasen“, der ständig querschoss, Termine platzen ließ, sich partout nicht an die Regeln halten wollte – und ihr damit das Leben schwermachte. Mein Rat an Nicole lautete: „Nicole, du brauchst nicht nur klare Spielregeln, die für alle gelten. Zieht jemand nicht mit, darfst du auch konsequent sein. Du musst es sogar.“ In der Folge nahm Nicole ihre Rolle als Leitwölfin an und machte dem Querulanten eine kristallklare Ansage: „Unsere Spielregeln gelten in aller Konsequenz. Wer sie nicht mitträgt, muss das Team verlassen. Die Entscheidung liegt bei dir.“ Das saß. Der betreffende Mitarbeiter begriff, dass es Nicole ernst meinte. Und hielt sich fortan an die Spielregeln.
3.) Lassen Sie Ihren Mitarbeitern Raum
Die wohl größte Stärke eines Wolfrudels ist es, dass alle Wölfe die Freiheit haben, die Aufgabe zu übernehmen, die am besten zu ihren Kompetenzen passt. Geht es darum, neue Beute zu finden, geben die Fährtenleser den Ton an. Ist das Reh aufgespürt, übernehmen die für ihre scharfen Sinne und ihre Fähigkeit zum strategischen Denken bekannten Wölfe die Koordination des Angriffs. Und am Ende schlagen die körperlich fitten, kampf- und jagderprobten Wölfe zu und erlegen die Beute.
Sie merken: Im Wolfsrudel übernehmen immer wieder die für die jeweilige Situation am besten geeigneten Wölfe die Führung. Ein Konzept, das Sie genau so für sich adaptieren können.
Stellen Sie Freiheit und Selbstverantwortung an die Stelle von Mikromanagement können Sie beobachten, wie sich Ihre Mitarbeiter wie von Zauberhand selbst organisieren und situationsbezogen ihre ganz individuellen Stärken ausspielen. Auch in einigen Unternehmen hat diese Art der Führung schon Schule gemacht – und das höchst erfolgreich. Bestes Beispiel: Das Unternehmen W.L. Gore und Associates, das unter dem Handelsnamen Gore-Tex weltweit Funktionskleidung vertreibt. Die Firma hat schon sehr früh auf Flexibilität und Selbstorganisation gesetzt. In sich selbst organisierenden Teams übernehmen immer wieder diejenigen Mitarbeiter die Führungsrolle, die vom Team für das jeweilige Projekt die höchste Kompetenz zugeschrieben bekommen. Ein Konzept das seit der Unternehmensgründung 1958 sehr erfolgreich funktioniert.
4.) Sehen Sie sich als Multiplikator
Gute Führung am Vorbild des Wolfsrudels ist nur dann möglich, wenn Führungskräfte ihrer Rolle als Leitwolf wirklich gerecht werden. Wenn sie an die eigene Vision glauben. Wenn sie selbst im Sinne des Unternehmens handeln – und nicht nur mit Blick auf die eigene Karriere. Wenn sie sich an die eigenen Regeln halten. Wenn sie auch bei zeitkritischen Projekten nicht zu Mikromanagern mutieren. Oder kurz: Wenn Sie ein echtes Vorbild sind. Dann – und nur dann! – werden sie zum Multiplikator. Denn Mitarbeiter orientieren sich ganz automatisch an ihren Vorgesetzten. Sie übernehmen die Verhaltensweisen, die sie vorgelebt bekommen. Und wenn Sie sich nicht an Ihre eigenen Ansprüche und Vorgaben halten? Verlieren Sie im Team irgendwann jede Glaubwürdigkeit. Dann sind Sie nur noch der Chef, der „Wasser predigt und Wein trinkt“. Und das schlägt sich eher früher als später auf die Performance des gesamten Teams nieder.
Gutes Leadership existiert unabhängig von Hierarchien
Das Wolfsrudel zeigt uns eindrücklich, welche Faktoren gute Führung wirklich ausmachen. Und es ist ein exzellentes Beispiel dafür, dass Führung unabhängig von hierarchischen Top-Down-Entscheidungen nicht nur funktioniert. Sondern für das langfristige Überleben des Rudels, sprich für nachhaltiges Unternehmenswachstum, die bessere Variante ist. Denn in einer zunehmend komplexeren Führungswelt funktionieren klassisch-hierarchische Führungsmodelle immer weniger. Keine Top-Führungskraft kann heute im Detail wissen, welche Aufgaben ihre Experten im Team inhaltlich bewältigen.
Mein abschließender Appell an Sie lautet daher: Haben Sie Mut. Zeigen Sie Vertrauen in Ihre Mitarbeiter. Lassen Sie diese selbstverantwortlich denken und handeln. Seien Sie ein echter Leitwolf.
Sie hören lieber?
Hier geht es zur passenden Folge in meinem Podcast „Leben an der Spitze“:
Best Practice Wolfsrudel: Was gute Führung wirklich auszeichnet | BIOSYSTEMIK #293
Herzliche Grüße
Gudrun Happich
PS: Sie möchten das Wolfsrudel-Führungsprinzip in Ihrem Führungsalltag übernehmen – bei der Umsetzung stoßen Sie aber auf Widerstände? Etwa, weil sich einige Mitarbeiter nicht an die Spielregeln halten wollen? Oder weil Ihre Vorgesetzten an einer altbackenen Hierarchie festhalten – und Sie ebenfalls dazu drängen? Dann kontaktieren Sie mich unter info@galileo-institut.de. Gemeinsam erarbeiten wir eine Lösung.
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