Falsche Versprechen vor dem Jobantritt: Lassen Sie sich nicht ködern

Moderne Führung
falsche Versprechen bei Jobantritt

Nach dem Vorstellungsgespräch sind Sie regelrecht blitzverliebt. Man hat Ihnen nichts Geringeres als Ihren Traumjob in Ihrer Wunschposition versprochen – und das in einem Unternehmen, in dem Sie schon immer arbeiten wollten. Schon kurz nach dem Jobantritt fällt Ihnen die rosarote Brille dann plötzlich vom Gesicht. Das sollte doch eigentlich alles ganz anders laufen. Ernüchtert stellen Sie fest: Man hat Ihnen viel zu viel versprochen. Es folgt die zermürbende Frage: „Hätte ich es besser wissen sollen?“ Und: „Sollte ich unter diesen Umständen nicht besser wieder gehen?

In diesem Artikel zeige ich Ihnen, wie Sie sich gegen falsche Versprechen im Job wappnen können – und was Entscheider besser machen sollten.  

Inhaltsverzeichnis

  1. Für Entscheider: Falsche Versprechen und übertriebene Behauptungen lohnen sich nicht
  2. Falsches Versprechen? Prüfen Sie mündliche Zusagen
  3. Vorsicht bei übertriebenen Lobeshymnen
  4. Mit Enttäuschungen müssen Sie rechnen
  5. Versprechen Sie selbst nichts, was Sie nicht halten können
  6. Ehrlichkeit zahlt sich aus

Für Entscheider: Falsche Versprechen und übertriebene Behauptungen lohnen sich nicht

Ich verstehe es ja. Gerade im C-Level-Bereich herrscht akuter Fachkräftemangel. Der früher vielbeschworene „War of Talents“ ist längst vorbei – die Talente haben gewonnen. Im Rekrutierungsprozess neigen viele Unternehmen daher dazu, sich großzügige Freiheiten bei ihren Versprechen zu nehmen. Da wird übertrieben, ausgeschmückt, ausgelassen und – auch das – schlicht gelogen. Ich habe noch gut die Worte einer Klientin im Ohr, die ihren Vorgesetzten zitierte:

Wenn ich Ihnen das von Anfang an erzählt hätte, hätten Sie nie bei uns angefangen.

Für Interessenten, die sich zu sehr auf solche falschen Versprechen verlassen, ist das eine unmögliche Situation. Aber auch Unternehmen selbst profitieren selten von einem solchen Vorgehen. Da werden viel Zeit und Geld in das Finden von passenden Kandidaten und das Onboarding gesteckt – und am Ende kündigen die neuen C-Level schon nach wenigen Monaten wieder, weil ihre Erwartungen bitter enttäuscht worden sind.

Ich denke da etwa an Jürgen E., der sich mit folgenden Worten bei mir meldete:

Ich kann Geschäftsführer in einem Unternehmen werden, ich bin endlich angekommen. Das Budget für den Transformationsprozess ist bewilligt, das Team steht bereit und freut sich auf die neue Herausforderung und ich treffe die Entscheidungen. Ich bin der Boss. Das ist der Traumjob, den ich immer haben wollte.

Natürlich kam es, wie es kommen musste. Nichts von den angekündigten Punkten entsprach der Wahrheit. Als Jürgen das klar wurde, kündigte er sofort.

Kurioserweise investieren viele Unternehmen in der Folge noch mehr in Recruiting-Prozesse, anstatt sich einfach mal darauf zu fokussieren, wirklich GUTE Mitarbeiter zu binden. Und letzteres beginnt schon damit, einfach mal mit offenen Karten zu spielen.

Falsches Versprechen? Prüfen Sie mündliche Zusagen

Führungskräfte, die erst im Nachhinein realisieren, dass Ihnen vor dem Jobantritt falsche Versprechungen gemacht worden sind, fragen sich oft: „Hätte ich es besser wissen können?“ In vielen Fällen meine ich, ja. Beispiel Cornelia C. Ihr wurde suggeriert, sie könne im Unternehmen die Nachfolgerin des Deutschlandchefs werden. Schon wenige Wochen später fand sie allerdings heraus: Das war nichts als ein leeres Versprechen. Denn zum Deutschlandchef steigen nur Interne auf. Und das auch nur, wenn sie bereits viele Jahre im Unternehmen tätig waren.

Hätte Cornelia während des Bewerbungsprozesses und Auswahlverfahrens tiefer recherchiert und die richtigen Fragen gestellt, wäre sie bestimmt im Vorfeld hinter diese falsche Behauptung gekommen – und hätte sich viel Ärger erspart. Es liegt an Ihnen, vor Ihrem „Ja“ und dem eventuellen Start so viel wie möglich darüber herauszufinden, was Sie am Ende erwartet. Auch dann, wenn Sie angesichts der vollmundigen Versprechen geradezu blitzverliebt sind. Denken Sie immer daran: Ihr Unternehmen befindet sich gerade in der Werbungsphase – und versucht Sie mit allerlei Vorzügen zu beeindrucken und zu blenden. Den Prozess können Sie sich ähnlich wie im Tierreich vorstellen, wo der männliche Pfau mit seinem atemberaubenden Federkleid die Weibchen zu beeindrucken versucht.

Vorsicht bei übertriebenen Lobeshymnen

Skeptisch werden sollten Sie nicht nur bei großspurigen Versprechungen seitens Ihres möglichen neuen Arbeitsgebers. Auch, wenn dieser auf Ihre Fähigkeiten übertriebene Lobeshymnen anstimmt, ist Vorsicht geboten. Es ist eine altbewährte Strategie: Man füttert Ihr Ego so lange, bis Sie die angebotene Position gar nicht mehr ablehnen können. Weil Sie selbst glauben, dass es außer Ihnen einfach niemand schaffen kann. Und wenn man Ihnen diese Herausforderung zutraut, MÜSSEN Sie einfach annehmen.

Diese Bauchpinselei ist tückisch, denn Sie führt allzu oft dazu, dass Sie „Ja“ zu einer unlösbaren Aufgabe sagen. Statt Erfolgserlebnisse erwarten Sie dann lediglich Stress, Druck und Selbstzweifel.

Mit Enttäuschungen müssen Sie rechnen

Dass manche Punkte im Bewerbungsprozess beschönigt werden, ist normal. Mit der einen oder anderen Enttäuschung müssen Sie im C-Level einfach rechnen. Dafür müssen gar keine falschen Versprechungen gemacht worden sein. Gut möglich, dass Dinge bewusst so formuliert worden sind, dass Sie alles möglich in diese hineininterpretieren konnten. Womöglich kam bei Ihnen an: „In zwei Jahren werden Sie Deutschlandchef.“ Tatsächlich gesagt wurde allerdings: „In zwei Jahren besteht die Option, dass Sie Deutschlandchef werden.

Sich solche Selbsttäuschungen einzugestehen, tut weh. Aber es ist nötig. Denn nur so können Sie konstruktiv und professionell mit ihnen umgehen – und mit klarem Kopf Ihre nächsten Schritte planen.

Versprechen Sie selbst nichts, was Sie nicht halten können

Auch Führungskräfte selbst sind im Bewerbungsgespräch dazu geneigt, Versprechungen zu machen, die sie nicht halten können. Ich kann Ihnen nur dringend davon abraten, Erwartungen zu schüren, die Sie unmöglich erfüllen können. Das wird Ihnen eher früher als später auf die Füße fallen. Am Ende verbiegen Sie sich bis aufs äußerste, um Ihre Versprechen irgendwie einzulösen, nur um es dann doch nicht zu schaffen und von Schuld und Selbstzweifeln zerfressen zu werden.

Ehrlichkeit zahlt sich aus

Zum Abschluss möchte ich nochmal allen Entscheidern mit auf den Weg geben: Ehrlichkeit macht sich bezahlt! Das sehe ich auch in meinen Führungskräfte-Coachings immer wieder. Mein Klient Daniel F. etwa kann davon ein Lied singen. Er bewarb sich intern auf eine neue Stelle. Seinem Chef, der genau wusste, dass Daniel sämtliche Aufgaben mit Bravour meistern würde, war klar: „Wenn ich dich nehmen würde, hätte ich Ruhe.“ Zugleich schränkte er ein:

Ich hätte ein schlechtes Gewissen, weil ich dir nicht bieten kann, was du zu Recht suchst. Und ich habe noch drei Vorstände über mir, sodass ich nicht allein entscheiden kann.

Damit lagen alle Karten auf dem Tisch – und genau so sollte es sein. Denn nun wusste Daniel, was auf ihn zukam und konnte eine fundierte Entscheidung treffen. Einer vorzeitigen Kündigung, die sein Unternehmen in Schwierigkeiten bringen würde, hatte sein Chef damit wirksam vorgebeugt.

Herzliche Grüße

Gudrun Happich

Gudrun Happich

PS: Sie wollen sich gegen falsche Versprechen wappnen, um sich im Bewerbungsgespräch nicht ködern zu lassen? Oder Sie müssen mit einer herben Enttäuschung klarkommen? Dann kontaktieren Sie mich unter info@galileo-institut.de. Gemeinsam erarbeiten wir eine für Ihre individuelle Situation passende Strategie.

Bild: contrastwerkstatt / stock.adobe.com

Schlagwörter: Aufstiegfalsche Versprechungenkarriereneuer Jobunlösbare Aufgaben

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